Gleiche Art, ähnliches Alter, derselbe Holzabbau im Stamm. Der eine Baum wurde vor Jahren stark eingekürzt, der andere immer nur vorsichtig ausgelichtet. Was heute von beiden steht, erklärt besser als jede Theorie, warum „schonend" nicht immer schonend ist.
Beide Bäume kamen mit demselben Problem: Fruchtkörper des Zottigen Schillerporlings an den Hauptstämmlingen, teils bis in die Krone – ein Pilz, der eine schnelle, intensive Weißfäule verursacht. Seine Fruchtkörper sind einjährig; sie erscheinen im Sommer, zersetzen sich über den Winter und sind im Folgejahr oft kaum noch zu finden, während der Pilz im Holz weiterarbeitet. Beide Kronen waren groß, schwer und weit ausladend – bei einem der Bäume fast 20 Meter breit. Die Frage war in beiden Fällen dieselbe: Wie bleibt der Baum stehen, ohne dass er auseinanderbricht?
Dieser Baum wurde vor etwa fünf Jahren von einem anderen Betrieb stark eingekürzt und danach sich selbst überlassen. Als ich ihn übernahm, standen an jeder Schnittstelle Büschel kräftiger Neutriebe. Statt sie zu entfernen, habe ich sie vereinzelt: pro Kappstelle zwei bis drei kräftige Triebe stehen gelassen, den Rest entfernt, die verbliebenen auf Zugäste abgeleitet.
Das Ergebnis fünf Jahre nach der Kappung: Die alten Schnittstellen – Riesenwunden, die an einem normal geschnittenen Baum selbst am Astring viele Jahre offen stünden – sind von den Neutrieben vollständig überwallt. Genau der Reiz, den die großen Wunden auslösen, treibt den massiven Neuaustrieb, der sie dann wieder schließt; das ist die Kombination, die bei dieser Baumart aufgehen kann, wenn man sie richtig führt. Die zwei bis drei verbliebenen Triebe pro Starkast habe ich zusätzlich auf Zugäste eingekürzt, damit noch einmal Gewicht herauskommt und der Baum weiter zur Ruhe kommt. Der Stamm hat ohne die alte Last begonnen, sich außen wieder zu verdicken. Der Baum trägt Nüsse und steht sicher.
Fotos: Übernahme, Vereinzelung und Ergebnis.
Diesen Baum habe ich über Jahre nach dem Grundsatz behandelt, der in jedem Lehrbuch steht: nicht in dicke Äste schneiden, Wunden klein halten, dem Baum nichts antun. Totholz raus, hier und da ein Ast, mehr nicht. Die Fruchtkörper des Schillerporlings wurden mit den Jahren weniger – was leicht als Besserung zu lesen ist.
Heute zeigt der Sondierstab, was das wirklich bedeutet: 50 Zentimeter Stahl verschwinden bis zum Griff im Stamm. Der Baum ist fast vollständig hohl, ein Stämmling ist bereits ausgebrochen, in den Schnittflächen sitzt das Pilzmyzel. Und die Krone hängt mit vollem Gewicht und vollem Hebel immer noch oben – jedes Jahr brechen neue Äste aus. Dass der Pilz kaum noch fruchtet, heißt nicht, dass er weg ist. Er hat sein Holz aufgebraucht.
Fotos: Zustand nach Jahren schonender Pflege.
Baum B hat gezeigt, wo die Grenze des vorsichtigen Schnitts liegt: Wenn das Problem im Stamm sitzt, ändert ein leichter Schnitt nichts an dem, was den Stamm belastet. Der Hebel bleibt, das Gewicht bleibt, der Pilz arbeitet weiter. Bei Baum A wurde das Gewicht herausgenommen – das war radikal, aber es hat dem Stamm die Ruhe gegeben, sich wieder aufzubauen, und der Baum hat die Chance genutzt.
Das heißt nicht, dass starkes Einkürzen die Lösung für jeden Baum ist – im Gegenteil. Es funktioniert nur, wenn drei Dinge zusammenkommen: eine Baumart, die kräftig austreibt und schnell überwallt (Walnuss, Linde, Weide, Platane – nicht Birke oder Buche), ein alter Baum mit genügend Reserven, und eine Nachbehandlung, die aus dem Austrieb wieder eine Krone macht. Fehlt eine davon, ist es keine Baumpflege, sondern eine Kappung.